Die Schattendiebe – erase and rewind

Die vier Außenseiter sind wieder mal zu einer Strafarbeit verdonnert worden, die staubige Biosammlung in Raum 3.18 muss geputzt werden. Aber irgendetwas stimmt nicht, die Maße des Raumes passen nicht, dahinter muss sich noch eine Kammer befinden, ein geheimes Gelass? Bei der Recherche finden sie tatsächlich einen Tunnel – einen geheimen Zugang, aber zu was eigentlich? Das gefundene Medaillon mit dem Ouroboros, der Schlange, die sich in den Schwanz beisst, ist ein weiteres Rätsel. Und warum und wohin verschwand vierzig Jahre zuvor eine Spitzenschülerin bei einem Schulbrand? Die Schattendiebe ermitteln und geraten durch ein Wurmloch ins Jahr 1983 und müssen feststellen, dass schlechte Manieren und böse Absichten vererbt werden können und sich korrigierende Handlungen in der Vergangenheit auf die Zukunft auswirken würden. Werden die vier nicht nur Laura retten, sondern auch einen Rückweg in die Gegenwart finden?
Während ich schreibe, höre ich die Playlist der Songs, die den 57 Kapiteln passend vorangestellt wurden: von Tears for Fears (Kapitel 1) über Don’t Worry Be Happy (Kapitel 26) bis zu What a Feeling (Kaptitel 55). Der Autor – den es gar nicht gibt (siehe die kurze Beschreibung im Anhang) – schreibt im Nachwort „Die Nostalgie ist das bestimmende Gefühl unserer Zeit.“ Und dass Erinnerungen wach werden, wenn wir einen Walkman oder eine Videokassette sehen und uns zurück in die eigene Jugend versetzen. So können wir leicht erraten, dass der Autor ungefähr das Alter der Rezensentin haben muss. Ich kenne tatsächlich fast alle Songs und kann sie mitträllern, finde interessant, was sich die vier auf dem Flohmarkt für Klamotten für den 80er-Jahre Schulball zusammenkaufen, plus Walkman und Kassette. Aber wie reagieren die Jugendlichen heute auf diesen Rückblick, wie auf den Lehrer, der nie aufhören kann von seinen Indienerlebnissen zu erzählen?
Die Story ist spannend, die Zeitreise mit ihren Verzahnungen zur Gegenwart ist gut komponiert und schlüssig. Wir erfahren, wie der mufflige Hausmeister zu seinen Verletzungen kam, wie aus der jungen engagierten die ältere frustrierte Lehrerin wurde. Und vor allem, wie die Chemiefabrik, mit ihren ungesunden Dünsten zum beherrschenden Arbeitgeber werden konnte. Wer in Oberstadt wohnt, regiert, während die Unterstädter ihre Umstände niemals verbessern können. Wir lesen von brutalem Mobbing, die Verhältnisse fast dystopisch, es herrscht in der Gegenwart eine Stimmung der Unterdrückung und Überwachung. Gut, dass kleine Weichenstellungen in der Vergangenheit in der Gegenwart große Wirkung erzielen können.
Das Buch ist manchmal zu lang, manche Szenen und Beschreibungen wiederholen sich und die Playlist wurde von den Buchtrollen nicht einfach durchgewunken. Die 80er gelten nicht als cool. Aber die Figuren machen eine Entwicklung durch und wachsen an ihren Erlebnissen, fast ein Coming-of-Age-Roman, der die Lesenden auch eine nicht so lang zurückliegende Zeit kennenlernen und erleben lässt.
Vielleicht kommen bei den erwachsenen Lesenden ja Erinnerungen hoch, es gibt unterhaltsame Hinweise zum Spekulieren für Spurensucher:innen (nicht nur aus den 80ern: Twin Peaks, Donnie Darko usw.), und die Jüngeren lesen einfach einen Zeitreiseroman. Und die Generationen kommen über das Buch sogar ins Gespräch.
Info
Autor: Oliver T. Steinwell
Buchfink Verlag 2025