Such dir keinen besten Freund

Joschua, auch Rembrandt genannt, hat nicht viele Freunde, eigentlich nur einen: Sergio. Der hat einen Dylan dabei und dieser hängt oft mit Lindsey rum. Also sind sie irgendwie zu viert. Sie sind ziemlich verschieden, selten einer Meinung und als der Sex nach allen Seiten hin diskutiert wird, auch richtig verstritten. Und gerade jetzt hätte sich Joschua Rat und Beistand erhofft, denn Lindsey setzt so eindeutige Signale.
Sex, Malerei, Freundschaft, dieses Buch verbindet Jugendbuch-Themen auf eine ungewöhnliche Weise. Die Typen sind an einer Hauptschule und stehen kurz vor dem Schulabschluss. Da ihr Selbstvertrauen nicht sehr ausgeprägt ist, sie sich selber im Wege stehen, durch die Verhältnisse oder traumatische Erlebnisse, bleibt ihre Zukunft vage – obwohl alle sehr ausgeprägte Alleinstellungsmerkmale besitzen. Lindsey bewegt sich unvergleichlich und wollte Tänzerin werden. Dann tauchten Nacktfotos von ihr im Internet auf und sie wurde „Wichsvorlage“ für viele. Mit ihrer offensiv aufdringlichen Körperlichkeit und ihrer sexy Garderobe, straft sie sich selbst und lässt sich zu der werden, für die sie ohnehin gehalten wird. Dylan hat Probleme mit seiner Aggressionstoleranzl, er schlägt schnell zu, möchte aber eine Boxschule aufmachen, denn mit Kindern kann er es eigentlich. Aus persönlichem Interesse konsumiert er exzessiv Pornos. Ihn lässt das allerdings alles kalt, ist er vielleicht asexuell? Sergio hingegen versteht sich als Sexarbeiter, er kassiert bei Männern, Frauen, seine Obergrenze sind allein die über 70-Jährigen. Sex macht ihm Spaß, alle lieben ihn und er liebt alle. Und dann noch Joshua, Jungfrau. Er durchdringt, handelt aber nicht. Er ist „keine unternehmungslustige Person“. Wie er mit dem Begehren umgehen soll, das er fühlt, wenn seine Muse im Modell sitzt, müsste er mal mit jemandem totreden.
Viermal Sex, auch ohne Liebe, und es wird weit über den Tellerrand geschaut, fast bis zur Satire übertrieben. Sprachlich manchmal derb, thematisch besonders, ist die Geschichte trotzdem oder vielleicht deshalb so wunderbar. Die Jugendlichen werden sensibel, mit viel liebevollem Augenzwinkern dargestellt, eine Randgruppe, die den Lesenden ans Herz wächst. Joschua als icherzählender Antiheld lässt uns an den inneren Konflikten, an den Ängsten und Gefühlen eines 17-Jährigen teilhaben, nachdenklich, oft witzig und mit dem Kopf am Problem. Wir leiden und mit.
Es geht viel um moderne Kunst, um Tanz. Ein Handy für die Recherche zur Hand zu haben, ist hilfreich. Ich habe mein Wissen über moderne Kunst und über eine Schwarze Tänzerin erweitern können, deren Videos schon sehenswert sind. Die Illustrationen sind herausragend und lohnen einen zweiten Blick.
Inhaltlich wagemutig, ist Erna Sassens Buch äußerst lesenswert.
Info
Autorin: Erna Sassen
Illustrationen: Martijn van der Linden
Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf
Verlag Freies Geistesleben 2025