Die gestohlene Zeit – Isaac Turner ermittelt

Isaacs Vater ist Horologe, ein genialer Uhrmacher-Nerd, und plötzlich bei der Arbeit an Londons Großer Uhr (Big Ben) verschwunden. Ausgerechnet jetzt, wo die Parlamentarier über das „Neue-Zeit-Gesetz“ abstimmen werden: Das metrische System soll auf die Dezimalzeit umgestellt werden, der Tag hätte nur noch 10 Stunden, dafür eine Stunde hundert Minuten. Zum Glück hat Hattie, die Tochter des „Speakers“ keine Höhenangst, eigentlich keine Angst vor nichts, dafür aber umso mehr Langeweile, und so begibt sie sich mit Isaac auf eine gefährliche Suche nach dessen Vater. Ist er entführt worden? Immer mehr Indizien zeigen auf die Hüter der Zeit und eine Verschwörung, die die ganze Welt verändern könnte.
Dem Plot liegt eine interessante Idee zu Grunde, die laut Autor tatsächlich 1793 für kurze Zeit in Frankreich eingeführt wurde, sich aber nicht durchsetzen konnte. Bei den meisten Befürwörter:innen der Dezimalzeit hier leiten Wirtschaftsinteressen und Geldgier die Handlungen, verschleiert als Wohltat für alle Bewohner:innen. Die ermittelnden Hauptfiguren sind natürlich Gegner und Gegnerin der großen Veränderung, sie glauben an die bestehende Zeitordnung. Die Suche nach dem Vater führt Hattie und Isaac in viele reale Gebäude: Westminster Palace, Houses of Parliament, Big Ben, Little Ben (von dessen Existenz ich nichts wusste), Royal Observatory. Das macht Spaß, zumal die Szenerien mit viel Liebe zum Detail ausgeschmückt werden, wir würden uns zurechtfinden – wenn wir denn besichtigen dürften. Wir könnten vielleicht sogar den Hebel des Uhrwerks der berühmtesten Uhr der Welt für einen Moment anhalten, denn das wird einleitend übergenau beschrieben und macht den Einstieg in das Buch leider etwas sperrig. Aber dann nimmt die Geschichte Fahrt auf, ist spannend, ohne sehr actionlastig zu sein, und bietet immer wieder überraschende Wendungen. Die Charaktere sind liebenswert: Der vorsichtige Isaac, der lernt über sich hinauszuklettern, und Hattie, die gerne Regeln für sich weit interpretiert oder einfach übertritt, ergänzen sich als ermittelndes Team wunderbar.
Eine genaue Karte zeigt das Parlamentsgelände, eine Illustration das Innere von Big Ben Jedes Kapitel wird von einer Uhr eingeleitet, die immer eine Minute weitertickt. Nach 60 Kapiteln ist sie exakt beim Schluss des Buches bei 12.00 Uhr angekommen – wir haben für das Lesen des Buches allerdings mehr Zeit gebraucht. Am Ende schließen sich die Anmerkungen des Autors mit viel Wissenswertem an, mit Erklärungen und Anekdoten. Ergänzungen, die auch erklären, wie der Autor zu diesem Insider-Thema gekommen ist.
Und Isaac Turner ermittelt weiter, in Paris, zu einem „verbotenen Atlas“. Wir sind gespannt, denn der Autor dringt tief in die Materie ein.
Info
Sam Sedgman: Autor
André Mumot: Übersetzung aus dem Englischen
Stefanie Shafer: Illustrationen
Midas Junior, 3. Auflage 2026