Birk

Birk fühlt sich für seine 16 wie der normale Durchschnitt: Er zockt nachts, geht müde zur Schule, hat einen doofen Bruder, aber eine nette Schwester, Freunde und er ist zum Rotwerden verknallt in Kathy. Bis ihn seine Enuresis nocturna (nächtliches Bettnässen) nach Jahren wieder aus dem Schlaf reißt. Als er erfährt, dass sich ein Leidensgenosse aus Grundschultagen deshalb umgebracht hat, bloggt er für/wegen Carl. Er will gegen Mobbing vorgehen, die Erkrankung erklären, nichts verschweigen und absolut ehrlich sein. Was ihm als mutiger Plan erscheint, reißt allerdings Freunde und Familie mit in einen riesigen Schlamassel. Sein Social Life ist plötzlich viel schlimmer, als die blöde Erkrankung.
Lange lag das Buch rum, obwohl das Cover zum Lesen einlädt und ich es immer wieder zur Hand genommen habe. Aber wen könnte schon ein Buch über eine Erkrankung interessieren, an der nur 0,5-1,0 Prozent der Jugendlichen erkranken? Aber beim Lesen erschließt sich die Vielfalt der Themen (Social Media, Mobbing, sozialer Rückzug, erste Liebe, Freundschaft, Eltern und Geschwister, Vorwürfe und Verzeihen). Dieses Buch ist gut, sehr gut sogar.
Birk bloggt so wahrhaft und nachvollziehbar, so sympathisch und sensibel, und die Kommentare der Blog-Follower sind so aus dem Social-Media-Leben gegriffen, dass ich immer wieder grinsen und den Daumen hoch halten musste. Kann Liv K. Schlett in jugendliche Köpfe schauen? Oder ist sie selbst 16 (nein, Jahrgang 1995). Birk schreibt zwar über seine Enuresis, aber sie kann hier als repräsentatives Beispiel stehen, für viele Krisen, an denen Jugendliche leiden und die sie lieber nicht öffentllich diskutieren wollen, Essstörungen, Familienprobleme, Geschlechtsdysphorie, Depressionen und oder oder. Und was hier wie geballtes Drama klingt, liest sich wie eine völlig normale, wunderbare Coming-of-Age-Story in klarer Sprache, modern als Blog-Tagebuch aufgemacht. Wir leiden und fühlen und freuen uns mit. Jugendliche haben vielfältige Probleme und vielleicht hilft ihnen Birks Blog und macht Mut. Denn er schafft es, mit Freunden, Familie, Therapie und Menschen, denen sein Problem egal ist, seinen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Es finden sich Gleichgesinnte, die Verständnis haben und wissen, wie er sich fühlt, weil bei ihnen auch nicht alles rund läuft und sie immer wieder das Gefühl haben, dass sie am Abgrund stehen und keine Besserung in Sicht ist. Sich Menschen anzuvertrauen, ist oft der Schritt nach vorn zur physischen und psychischen Heilung.
Ein Buch, das sich angenehm liest und Jugendlichen Mut machen kann.
Info
Text: Liv K. Schlett
Magellan Verlag 2025