Memory – Stadt der Träume

Jude Finney feiert gerne mit den Geistern auf dem Highgate Cemetery, deren Partys sind laut, geschwätzig und voller Musik. Das wahre Leben findet für ihn auf dem Friedhof und nicht in der Schule oder zu Hause bei seinem Vater statt. Als er am Eingang zum Friedhof eines Abends ein bleiches, verwirrtes Mädchen trifft, vermutet er, ein neuer Geist sei angekommen. Aber das Mädchen fühlt sich warm an und kann sich an nichts erinnern. Während doch Tote jedes Detail ihrer Vergangenheit im Kopf haben, ihre Fähigkeiten behalten, aber an ihr Grab und dessen Umgebung gebunden sind. „Story“ gehört nicht auf diesen Friedhof, sondern scheint irgendwie zwischen den Welten festzuhängen, noch nicht tot, aber auch nicht richtig am Leben. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn Jude befürchtet, mit jeder kleinen Erinnerung an ihr früheres Leben kommt sie dem Tod näher. Liegt sie irgendwo im Koma, wo ist ihre Familie und wer sind die gesichtslosen Gestalten, die Sluagh, mit ihren lebenden Laternen?
Eine Hexe, ein Orakel, gute Geister, Füchse in Menschengestalt, wunderschöne Friedhöfe, stimmungsvolle Nächte. Wir lesen eine rundum spannende, auch mal witzige Geschichte, mit Rätseln, einer Spurensuche, einem ungewöhnlichen Setting und einer überzeugenden Lösung. Die melancholische Friedhofsumgebung macht Spaß und wir haben wirklich Lust, beim nächsten Besuch, die „andere“ Seite Londons kennenzulernen, die Grabsteine aufmerksam zu lesen uns natürlich vor den Steinengeln in Acht zu nehmen. Wir merken, dass sich der Autor durch entsprechende Reiseführer hat inspirieren lassen: Haunted London, Walking Haunted London, Londons Cemeteries …
Jude erfährt auch, wer seine Mutter war und warum er überhaupt diesen exklusiven Zugang zur Geister- und Friedhofswelt hat. Durch seine Freundschaft zu dem namenlosen Mädchen und über die Hilfe, die er ihr zukommen lässt, verändert er sich selbst mit, entwickelt sich weiter und er findet wieder Zugang zur Welt der Lebenden. Schade eigentlich, denn uns haben die Geister gefallen: Quentin Gaskell, der Rockmusiker mit dem einen legendären Hit, Sir Humblethwaite, der im Ersten Weltkrieg von einem türkischen Krummsäbel durchbohrt wurdel, Tilda Murry, die als Blumenkind durch Zigaretten und Drogen dahingerafft wurde. Albert Lament als Promi war immerhin ein jüngerer Bruder von Charles Dickens. Aber wir konnten uns beim Lesen auch angenehm gruseln, eine Verschwörung auflösen und die Geisterwelt vor der Auslöschung retten.
Das Buch (Telefonzellenfund) ist so wunderbar, dass wir nun auch noch Malfuria – Die Trilogie durchsuchten werden.
Info
Christoph Marzi: Autor
Arena Verlag 2011