Maia oder – Als Miss Minton ihr Korsett in den Amazonas warf

Maias Eltern sind vor zwei Jahren ums Leben gekommen und sie hätte doch gerne wieder eine Heimat. Als ihr Vormund von Verwandten in Brasilien erzählt, die sie gerne aufnehmen würden, ist Maia begeistert. Brasilien, der Amazonas, eine Plantage, eine wundervolle Familie mit Zwillingen in ihrem Alter. Aber die Familie ist grässlich, die Zwillinge ärgern sie nur und von der exotischen Umgebung und den Ureinwohnern bekommt sie gar nichts zu sehen. Lediglich die Gouvernante Miss Minton hat Verständnis und lässt sich kleine Finten einfallen, damit Maia auch mal vor die Tür darf. An einem dieser Tage lernt sie Finn kennen, ein Indio in ihrem Alter, der auf der Flucht ist. Und dann ist da auch noch Clovis, der bei einer Schauspieltruppe immer wieder den kleinen Jungen spielt und plötzlich in den Stimmbruch kommt. Maia hätte viel zu regeln, wenn sie es nur schaffen würde, sich der ständigen Überwachung zu entziehen.
Maia ist ein spannendes und gut lesbares Abenteuerbuch in der Tradition der englischsprachigen Kinderbuchklassiker. Die Autorin variiert und zitiert in Stil und Inhalt die Bücher der viktorianischen Epoche, so Frances Hodgson Burnetts Der kleine Lord, Sara die kleine Prinzessin, lässt Prinz und Bettelknabe von Mark Twain auferstehen, ein bisschen Dickens, ein bisschen Kipling. Heraus kommt eine eigenständige Geschichte, mit Dschungel- und Regenwaldatmosphäre, ein wunderbares Urlaubsbuch. Der Wunsch fremde Welten kennenzulernen und zu erobern, ist hier elementar. Es werden seltene Schmetterlinge und Vögel kategorisiert, fehlende Knochen gesucht und dazu mit dem Boot den Amazonas hinabgeschippert. Ein weiblicher Alexander von Humboldt, der durch den Amazonas-Dschungel reiste und dabei eine große Zahl von Planzen und Tieren entdeckte. Die Autorin hat eine starke Mädchenfigur geschaffen, die sich von Normen befreien will – nicht umsonst wird hier das einengende Korsett schon im Titel über Bord geworfen. (Wobei das Buch im Original „Journey zu the River Sea“ heißt.)
Verständnis, Menschlichkeit, Neugierde auf das Unbekannte sind Themen, die auch sprachlich mit viel Sinn für Nostalgie verfasst wurden. Es wird Kritik am Kolonialismus geübt wie Sozialkritk an der strikten englischen Klassengesellschaft, und so siegt natürlich zuletzt das Gute und das Böse geht in Flammen auf. S
Wir haben einen spannenden „Schmöker“ mit zahlreichen Wendungen gelesen, mehreren Fäden, die sich zu einem schlüssigen Ende aufdröseln, und werden nach weiteren Werken der 2010 verstorbenen Autorin Ausschau halten.
Info
Autorin: Eva Ibbotson
Übersetzung aus dem Englischen: Sabine Ludwig
Deutscher Taschenbuch Verlag 2012, 8. Auflage
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