Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte

Lucie Schmurrer braucht Geld, genau 437,50 Euro. Damit kann sie endlich ausziehen und nach Berlin zu Bernie umsiedeln. Nie wieder den Yoga-Freak Michi, Mamas neuen Freund, beim Frühstück erleben. Sie reagiert also auf die Anzeige am Schwarzen Brett, in der ein Hundesitter gesucht wird. Der Inserent sucht tatsächlich explizit einen Kerl und hat auch gar keinen Hund. Herr Klinge hat stattdessen geheime Rezepte, nach deren Magie die Welt sucht, und er braucht jemand, der für sein Kochbuch die Rezepte notiert. Lucie hat keine Wahl, niemand sonst zahlt einer Schülerin so einen Stundenlohn, unerschrocken bequatscht sie den garstigen Herrn Klinge und macht ihn mit sich vertraut. Als sie heimlich den Heartchup an dem coolen Marvin testet, tritt sie allerdings jede Menge Irrsinn los.
Der Titel umreisst den Inhalt des Buches, hier haben alle zuviel Charakter und ticken gegen den Uhrzeigersinn. Das Buch ist pure Realsatire, macht viel Spaß und liest sich locker und megaunterhaltsam. Die Icherzählerin ist sensibel, bodenständig und selbstbewusst und meistert die absurden Situationen mit Bravour, diplomatischem Geschick und viel Menschlichkeit – auch wenn ihr Liebesexperiment erst auf Umwegen gelingt. Sie versteht sich als Anthropobiologin und interessiert sich für die Erscheinungsformen der Menschen und deren biologische Beschaffenheit. In Subjektlisten werden die besonderen Eigenheiten aller ihr Nahestehenden aufgeschlüsselt und seziert. Vielleicht hätte einzig ihr Bruder Janni/s gerne mehr Normalität, er denkt, die Welt dreht sich verkehrtherum gegen ihn, er wünscht sich ein angepasstes Umfeld und normale Verhältnisse.
Die Rezepte des Herrn Klinge empfehlen wir nachzukochen, denn so verrückt (genial mit vielen außergewöhnlichen Talenten) er auch ist, seine Kochanleitungen sind äußerst wohlschmeckend, wir empfehlen die Ghulacamole (kein Tippfehler) bei Langeweile oder die Rösti des Lebens/Sterbens. „Du kannst entscheiden: Leben und Tod sind dein.“ Und wir sehen eine Kartoffel nun mit völlig anderen Augen, wir wissen ja, dass es ein Phoenix-Ei ist. Neben Leben und Tod werden auch andere grundsätzliche Themen angesprochen wie Mobbing, gesellschaftliche Normen, Männlichkeit und Homosexualität, Identität.
Ausgerechnet Der Michi zieht letztendlich das Fazit dieses genialen und absurdkomischen Buches: „Wenn man bedenkt, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt.“ So sei es und wir überlegen uns noch, ob unser Name überhaupt passt.
Wunderbar sind die passenden Illustrationen, nicht umsonst wählte die Stiftung Buchkunst (neben anderen Auszeichnungen) das Wahnsinnsbuch 2020 zu einem der 25 schönsten deutschen Bücher.
Info
Dita Zipfel: Autorin
Rán Flygenring: Illustrationen
Hanser Verlag 2021
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