Cryptos – Die Graphic Novel

Im Buchladen belausche ich eine enthusiastische Mutter, ihren jugendlichen Sohn (schwer gelangweilt) und eine engagierte Buchhändlerin. Die Mutter schlägt ihrem Sohn Reiselektüre vor, der Sohn schüttelt den Kopf, die Buchhändlerin zückt einen Titel nach dem anderen, es gibt kurze Inhaltsangaben und Überredungsversuche. Der irgendwann total genervte Kommentar des Sohnes: „Ich lese nur Poznanski, das habe ich doch schon mehrfach gesagt, mich interessiert nur Poznanski. Die kenne ich alle und lese sie eben im Urlaub nochmal. Pech gehabt, jetzt hätte es noch eine Graphic Novel gegeben und würde dem Jungen vielleicht sogar einen begeisterten Kommentar entlocken, denn der Geist des dystopischen Originals wurde beibehalten.
In einer zerstörten Zukunft liegen Menschen in Kapseln und flüchten sich in virtuelle Welten, je nach Vorlieben und Charakter in magische Elfenwelten, als Bogenschütze in den Wald, in historische Fischer-Dörfchen, zu Jane Austen oder Sokrates. Jana Pasco ist eine der jüngsten und besten Designerinnen bei Mastermind. Und ausgerechnet in ihrer erfolgreichsten und besonders friedlichen Welt Kerrybrook geschieh ein Mord. Hackt ein Kollege ihre Welt? Jana versucht, den Fehler in ihrem System zu finden, aber das Problem ist ein elementares. Denn auch in der realen Welt verschwinden immer mehr Menschen. Sie wird bei ihrer Recherche durch die Computerwelten gejagt, gerät überall in höchste Gefahr und kommt einer Weltenverschwörung auf die Spur, in die auch Menschen verwickelt sind, die ihr sehr nahe stehen.
Im Anhang erklärt der Szenarist Christopher Tauber, wie er Ursula Poznanskis gleichnamigen Bestseller adaptiert hat, wie er Szene für Szene nach Relevanz für den Plot analysiert hat, wie nicht essenzielle Handlungsstränge auch mal geopfert werden mussten, um 440 Romanseiten auf 240 Comicseiten darstellen zu können. Und wie er dann sein „Drehbuch“ an den Zeichner Timo Grubing übergeben hat, der aus dem Adaptionskript eine ausgezeichnete Graphic Novel kreiert und zusammengestellt hat.
Das Buch ist superspannend und ein graphisches Highlight. Wir haben es mehrmals zur Hand genommen, um der sehr schnellen Handlung zu folgen und dann noch mal ruhiger, um die unterschiedlichen Welten zu genießen. Der Zeichner hat jeder Welt eine eigene Farbe und einen eigenen Rhythmus gegeben, das ist unglaublich interessant. (Die reale Welt ist besonders düster.) Die immer wieder eingestreuten Interface-Elemente erlauben zudem, sich an der Tastatur des Geschehens zu fühlen.
Cryptos ist ein sehr modernes, wunderbares Cyberpunk-Buch, das nicht nur der schnellen Manga-Lese-Generation einen großen Buchspaß garantiert.
Info
Ursula Poznanski: Cryptos
Christopher Tauber: Adaption
Timo Grubing: Umschlag- und Innenillustrationen
Loewe Verlag 2026