Die Glocke im See

Die Glocke im See

Irgendwo im Gudbrandsdalen um 1789: ein paar Höfe, ein alte Holzkirche und sehr kalte Winter. Gerade ist die alte Klara Mytting während des Gottesdienstes verstorben. Ihr Gesicht war an der Kirchenwand so festgefroren, dass die Dörfler die Tote gewaltsam losreißen mussten. Da sieht der Neu-Pfarrer erste Chancen für Innovationen: mit neuen Bestattungsmethoden möchte er anfangen, dann im nächsten Jahr eine Steinkirche beheizen. Allerdings fehlt es an Geld für das neue Gotteshaus und als er das Angebot aus Dresden bekommt, die alte Stabkirche und deren sagenhafte Glocken teuer zu verkaufen, greift er zu; überführen wird sie ein Architekturstudent nach Dresden. Und die 19-jährige Astrid Hekne aus Butangen, die sich bisher keine Illusionen über ihr weiteres Leben gemacht hat, steht plötzlich zwischen zwei Männern, die keine einfältigen Gutserben sind.

Lars Mytting vermittelt in „Die Glocke im See“ gleich mehrere Themen, die ihm wichtig sind. Es ist ein wunderbares Buch voller Sagen, voller Un- und Aberglauben, mit wunderbaren Begebenheiten im und um das abgeschiedene dörfliche Leben. Über den Charakter der Astrid Hekne wird der Wunsch nach Aufbruch, Veränderung, Neuerung aufgegriffen, der aber für eine Frau des 19. Jahrhunderts nur unerfüllte Hoffnung sein kann. Astrid ist intelligent und stark, scheitert aber an den Umständen. Vor allem liegt aber dem Autor daran, die Zerstörung eines kulturellen Erbes aufzugreifen und einzuordnen. Die traditionelle Handwerkskunst wird narrativ in die Romanerzählung eingebunden und Mytting berichtet so liebevoll über Schnitzereien, über Verzierungen und deren Symbolik, über wuchtige Holztüren und schmiedeeiserne Schlösser, dass die Leser*innen die alten Stabkirchen vor sich sehen. Der Autor, der schon in dem amüsanten Sachbuch „der Mann und das Holz“ sein großes Fachwissen um das Holz ausgebreitet hat, drückt hier seine Hochachtung für dasselbe, aber schon behandelte Material und deren Künstler aus. 

Info
Lars Mytting
Die Glocke im See — Roman
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel 
Insel Verlag, 482 Seiten


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