Sem und Mo im Land der Lindwürmer

Sem und Mo im Land der Lindwürmer

Samuel und Mortimer sind von Tante Tyra aus dem Waisenhaus geholt worden, damit sie von früh bis spät Neusilber polieren. Samuel wird von ihr verprügelt, genug zu essen gibt es nie und spielen ist verboten. Als ihnen eines Tages ein Ratz das verlockende Angebot macht, durch einen Gang in das Land der Lindwürmer zu gelangen, wo die wunderbare, schöne Königin Indra ein Kind zum Verwöhnen sucht, überlegen sie nicht lange. Und es ist wie ein Traum: Sie bekommen Gewänder aus Samt und Seide, eigene Zimmer mit Spielzeug und Zeit, um sich damit zu beschäftigen, und bei den Mahlzeiten gibt es zweite Portionen und Desserts. Dass Königin Indra ein Drache ist und nur Mo als ihren kleinen Jungen akzeptiert, ist erst einmal nicht von Belang.

Wer Frida Nilssons Bücher kennt, weiß, dass es schrecklich werden wird. Schon über der anfangs glücklichen Wendung liegt ein unangenehmes graues Gefühl, wie ein Dachshaar im Kuchen. Denn die paar Angestellten im Schloss sind einzig Tiere auf zwei Beinen, die durch einen Zauber zu menschlichem Verhalten gezwungen werden, sich in den Wald zurücksehnen, gelegentlich bei Strafe entgleisen. Natur versus Kultur. Entwurzelung, Einsamkeit, nicht zu wissen, wo man hingehört, ist ein Hauptthema des Buches. Es geht auch um Erinnerung, um Träume, die zu Erinnerungen werden, aber niemals der Realität entsprachen. Sind Samuel und Mortimer früher bei den Eltern mal Sem und Mo gewesen? Oder doch nicht? Wurden sie geliebt? Die Figuren sehnen sich nach Wärme und Zugewandtheit, wünschen sich Nähe. Aber hier bekommt nur der kleine Bruder Mo Indras ganzes Interesse, während Sem sich nach Zuwendung sehnt, aber stattdessen mit der Eifersucht klarkommen muss und der zunehmenden Entfremdung von der einzigen Person, die seine Familie ist.

Bis zum furiosen Showdown werden die Lesenden immer wieder angehalten, ihre Ansichten zu überdenken: Wo verläuft denn nun die Linie zwischen „dem Bösen und dem Trieb“? Ist es der Trieb, der den Lindwurm treibt, seine Nachkommenschaft zu schützen, auch wenn menschliches Kinderblut zur Befruchtung des Eis nötig ist? Ist nicht eher die Ausrottung einer Art, der Lindwürmer, „böse“? Ist der Glaube des Menschen an seine Überlegenheit ungerechtfertigt?

Die schwedische Autorin verwebt altnordische Volksagen mit fantastischen Elementen, nutzt das Setting aber dann, um durchaus schwierige Themen aufzugreifen, die nachwirken und Gespräche anstoßen, über das wunderbare Buch hinaus.

Info
Autorin: Frida Nilsson
Bilder: Torben Kuhlmann
Übersetzung: Friederike Buchinger
Gerstenberg Verlag 2022


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.