Der Winter des Bären

Der Winter des Bären

„Du darfst dem Herzbaum niemals wehtun, sonst holt Bjørn dich.“ Milas Papa hatte das gesagt, als noch alles in Ordnung war. Als Mama noch lebte, Papa noch nicht weggegangen war und es noch Frühling gab. Seit Jahren ist allerdings nur noch Winter und eisige Kälte, das Essen ist knapp und die vier Geschwister haben nur noch sich. Als eines Abends ein Mann, so hoch wie ein Pferd, mit einer Gruppe von kleineren Gestalten um Unterschlupf für eine Nacht bittet, weiß Mila sofort, dass das nichts Gutes verheißt. Und tatsächlich, am nächsten Tag ist auch Oskar verschwunden, aufgebrochen mit dem geheimnisvollen Fremden. Die drei Schwestern machen sich auf, um ihren Bruder zurückzuholen, nichts ahnend, mit was für einem Gegner sie es zu tun haben und welche Gefahren drohen. 

Kiran Millwood Hargrave hat eine Geschichte um das Märchen der Schneekönigin gerankt, eine erweiterte Variante, die auch noch das Thema der Umweltzerstörung mitaufgreift. Stilistisch herausragend und atmosphärisch unglaublich dicht lässt sie die Mädchen eine gefahrvolle Reise an den äußersten Rand der Welt über das Eismeer zur mythologischen Insel Thule antreten, begleitet von einem Zauberer, selbst noch ein Junge. Es ist schneidend kalt, Lawinen rollen ins Tal, Wölfe verfolgen den Schlitten. Wir geraten in einen magischen Bann – wie Oskar –, es ist unmöglich, sich dem Sog zu entziehen. Es geht um Geschwisterliebe, Zusammenhalt und Zivilcourage, behutsam eingebettet in eine sehr spannende Erzählung. Dass der Bär einfach Björn (schwedisch: Bär) heißt, ist zwar überraschend schlicht, bei all den anderen wunderbaren Wortschöpfungen, ist das aber nebensächlich. 

„Der Winter des Bären“ ist vermutlich mein Lesefavorit für 2021 – obwohl es erst April ist. Also ein „Winterwohlbereit!“ allen Lesenden.

Info
Autorin: Kiran Millwood Hargrave; aus dem Englischen: Claudia Feldmann
Insel Verlag 2020


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